Karrierewege
An der HTWK Leipzig promoviert – und dann? Promovierte im Portrait
04.08.2026
Viele Wege führen zur Promotion an der HTWK Leipzig – und auch danach geht es vielfältig weiter, wie die Portraits dieser zwölf Promovierten zeigen. Sie alle wurden auf dem Weg zur Promotion unterstützt vom GradZ, dem Graduiertenzentrum der HTWK Leipzig.

10 Jahre GradZ
Das Graduiertenzentrum der HTWK Leipzig ist seit 2016 die zentrale Koordinations- und Servicestelle für den wissenschaftlichen Nachwuchs und war zur Gründung ein Vorreiter für Graduierteneinrichtungen an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Es unterstützt Promovierende umfassend – von Beratung und Finanzierung bis zu überfachlicher Qualifizierung und Vernetzung – und stärkt damit gezielt die Qualität kooperativer Promotionen sowie die Karriereentwicklung für Schlüsselpositionen in Wissenschaft, Verwaltung und Wirtschaft.
Dr. Edgard Marx – Informatik
„Eine Faszination, die bis heute anhält“, so beschreibt Dr. Edgard Marx den Moment, als sein Vater in den Achtzigern mit den Worten „Das ist die Zukunft“ den ersten Computer nach Hause brachte. In einem brasilianischen Dorf aufgewachsen, faszinierten den heute 44-Jährigen aber auch die kulturellen Wurzeln seiner Familie, die 1885 von Zwickau nach Brasilien ausgewandert war. So beschloss er nach dem Informatikstudium in Rio de Janeiro für eine Promotion nach Deutschland zu gehen. Ein Stipendium in der Tasche, schrieb Marx ab 2013 an seiner Doktorarbeit an der Universität Leipzig. Kurz vor der Abgabe verstarb sein Doktorvater. Thomas Riechert, Informatikprofessor an der HTWK Leipzig, übernahm diese Rolle und stellte Marx zugleich in seinem DFG-Forschungsprojekt an, bei dem er historische Datenbanken zu professoralen Karrieremustern verknüpfte.
Mit den hier angewendeten Schwerpunkten Linked Data und Semantic Web beschäftigte sich Marx auch in seiner Promotion, die er 2024 mit „magna cum laude“ abschloss. In einem weiteren DFG-Projekt verknüpfte er gemeinsam mit Chemikerinnen aus São Paulo Datenbanken von Naturstoffen aus dem Amazonas, um sie besser auffindbar zu machen. Seither veröffentlichte Marx mehr als 30 wissenschaftliche Beiträge und gehört zu den 20 meistzitierten Forschenden der Hochschule. Neben seiner Forschungstätigkeit arbeitet Marx seit 2021 beim Datenmanagement-Dienstleister Eccenca. Dort analysiert er Daten, um Unternehmensentscheidungen zu fundieren. Sein nächstes großes Ziel: Die Gründung einer eigenen Forschungsgruppe am Institut für Informatik der Universität Leipzig.
Dr. Julia Dobroschke – Verlagsherstellung
Schulbücher sollten auch für sehschwache und blinde Kinder zugänglich sein: Dafür setzt sich die Leipzigerin Dr. Julia Dobroschke ein. Mit welchen Einschränkungen sehbehinderte Menschen im Alltag leben müssen, erlebte sie bereits als Kind innerhalb der eigenen Familie.
Nach einer Ausbildung zur Schauwerbegestalterin, in der sie ihre kreative Seite in Kaufhaus-Schaufenstern auslebte, und dem Studium der Verlagsherstellung an der HTWK Leipzig, widmete sich Dobroschke in ihrer Diplomarbeit dem Thema Barrierefreiheit. Daran anknüpfend erforschte sie in ihrer Promotion an der HTWK Leipzig und an der Universität Leipzig Produktionsprozesse für inklusive Unterrichtsmaterialien, die im universellen Design gestaltet sind und so für Kinder mit und ohne Sehbehinderung einen Mehrwert haben. Das neue Barrierefreiheitsstärkungsgesetz unterstreicht den Bedarf: „Schulbücher müssen laut einer EU-Richtlinie bis 2025 barrierefrei sein – bis dahin gibt es noch einiges zu tun“, so Dobroschke.
Während der Promotion kooperierte sie eng mit dem Deutschen Zentrum für barrierefreies Lesen in Leipzig, wo die heute 42-Jährige seit 2009 arbeitet. Seit 2019 leitet sie dort das Kompetenzzentrum für barrierefreie Informations- und Kommunikationsangebote in Sachsen. Es unterstützt Einrichtungen und Unternehmen dabei, die eigenen Medien barrierefrei zu gestalten. Auch privat engagiert sich Dobroschke im Verein „Einfach Machbar“ für einen inklusiveren Schulunterricht, wenn sie nicht gerade in ihrem Garten werkelt oder dort Buch-lesend entspannt.
Dr. Fabian Görgen – Bauingenieurwesen
Zu heiß, zu trocken, zu viel Feinstaub – in vielen Städten gibt es Orte, die dem Klimawandel nicht gewachsen sind. Sie angenehmer zu gestalten, das hat sich Fabian Görgen vorgenommen. Der gebürtige Stuttgarter interessierte sich schon früh für Mathematik und Physik, liebt die Natur und hat ein Faible für Architektur. So entschied er sich für ein Bauingenieur-Studium, zunächst im Bachelor in der Heimat, dann im Master an der HTWK Leipzig. „Einen Job als Bauleiter habe ich für mich ausgeschlossen, mich interessieren eher Themen wie Bauphysik und Stadtklima“, so Görgen.
Nach einem kurzen Ausflug als Planungsingenieur in der freien Wirtschaft wollte er seine Interessen vertiefen und kam 2020 für eine kooperative Promotion mit der Brandenburgischen Technischen Universität zurück an die HTWK Leipzig. Dabei entwickelte der heute 32-Jährige ein Simulationsverfahren zur klimagerechten Anpassung einer wasserspeichernden Fassade, die das Stadtklima verbessern kann. Um seine Ideen in die Praxis zu bringen, gründete er mit einem Freund 2024 Komfortscape. Das junge Unternehmen berät Kommunen zu einer klimaresilienten und zukunftsfähigen Stadtentwicklung.
Nach einer anfänglichen Analyse des Standortes erarbeiten die promovierten Ingenieure Klimaanpassungsstrategien und testen in einer Simulation, wie sich diese auf die Umgebung auswirken: Mehr Pflanzen, ausgewählte Materialien und Farben sowie Verschattungssysteme – vieles beeinflusst das Mikroklima. Seit einem Jahr lebt der Gründer mit seiner Partnerin in Wien und genießt dort nach der Arbeit Spaziergänge durch Stadt und Land. Vor allem moderne Baustile wie der Brutalismus haben es ihm angetan: „Die gibt es tatsächlich auch in Wien zu entdecken.“
Dr. Rokan Osou – Architektur
„Die Altstadt von Aleppo hat meine Sicht auf Architektur geprägt“, sagt Dr. Rokan Osou, die in der syrischen Stadt – eine der ältesten der Welt – als Tochter kurdischer Eltern aufwuchs. Ihre frühe Faszination für historische Bauten mündete in einem Architekturstudium an der Universität Aleppo, wo sie sich auf die Sanierung historischer Städte spezialisierte. Nach dem Studium arbeitete sie fünf Jahre lang an einem Projekt zur Erhaltung der Altstadt Aleppos. „Das hat mich tief geprägt und mein Bewusstsein für den Wert von Baukultur weiter geschärft“, so Osou.
Durch eine Reise nach Berlin, wo sie ihre Schwester während deren Promotion besuchte, entstand auch in ihr der Wunsch, in Deutschland eine akademische Karriere aufzubauen. Möglich wurde das durch das EU-Programm Tempus, das den akademischen Austausch fördert. In der Architekturprofessorin der HTWK Leipzig Annette Menting fand sie eine „inspirierende und versierte Doktormutter“, so Osou. Bei ihr an der HTWK Leipzig sowie an der Brandenburgischen Technischen Universität promovierte sie zur Frage, wie traditionelle Architektur in arabischen Ländern nachhaltig in die moderne Baukunst integriert werden kann. Noch während ihrer Promotion, die sie 2024 sehr erfolgreich abschloss, zog sie nach Kanada, um Kindheitspädagogik zu studieren. „Für mich ist eine ganzheitliche Bildung wichtig. Dieses Fachgebiet gibt mir Einblicke in den Einfluss der Kinderpsychologie auf die gebaute Umwelt in Bildungseinrichtungen.“ Ihre Freizeit verbringt sie mit ihrem 9-jährigen Sohn, spielt Tischtennis und lebt sich kreativ mit Glasmalerei aus. Das Karriereziel: Eine eigene Architekturprofessur in Deutschland oder Kanada.
Prof. Dr. Ulrike Igel – Soziale Arbeit
„Ein Tag mit einem drogenabhängigen Fremden diente mir als Wegweiser“, erinnert sich Prof. Dr. Ulrike Igel an die Zeit nach dem Abitur in Altenburg und einem abgebrochenen geisteswissenschaftlichen Studium, in der sie sich orientierungslos fühlte. Die zufällige Begegnung, bei der sie viel über die Alltagssorgen von Abhängigen lernte, animierte sie dazu, Sozialwesen an der HTWK Leipzig zu studieren. Den Abschluss in der Tasche begann sie 2007 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der HTWK-Forschungsgruppe „Soziales und Gesundheit“ zu forschen und entwickelte ein Projekt zur stadtteilbezogenen Gesundheitsförderung im Osten Leipzigs. In einem Folgeprojekt untersuchte sie, inwiefern die Wohngegend das gesunde Körpergewicht von Kindern beeinflusst.
Zu diesem Thema promovierte Igel an der HTWK und der Uni Leipzig und entwickelte Impulse zur gesundheitsfördernden Gestaltung von Städten am Beispiel des Leipziger Stadtteils Grünau. Für die 2019 verteidigte, herausragende Doktorarbeit erhielt sie den Dissertationspreis der Stiftung HTWK. „Neben anderen Forschungsprojekten und zwei kleinen Kindern war das Schreiben an der Dissertation mühsam, daher freute ich mich umso mehr über die Auszeichnung“, so Igel. Gleich ihre erste Bewerbung auf eine Professur war ein Erfolg: Seit 2021 ist die heute 43-Jährige Professorin für Soziale Arbeit im Sozialraum an der Fachhochschule Erfurt sowie Leiterin des Bachelor-Studiengangs Soziale Arbeit. Seit 2024 reduzierte sie auf Teilzeit, um öfter auf dem Bauernhof ihres Partners an der Ostsee sein zu können. Sie engagiert sich in verschiedenen Arbeitsgruppen zur „Sozialen Landwirtschaft“, die Soziale Arbeit und Landwirtschaft miteinander verbinden.
Dr. Martin Weisbrich – Bauingenieurwesen
Dr. Martin Weisbrich hat viele Talente. Eines davon ist der Ski-Orientierungslauf – eine Disziplin, die den Skilanglauf mit dem Orientierungslauf verbindet. Aufgewachsen im Erzgebirge, besuchte er das Wintersportgymnasium in Oberwiesenthal und strebte bereits als junger Schüler eine Karriere als Skilangläufer an. Ein Rückenleiden brachte ihn auf einen neuen Weg: Schon damals technisch interessiert, begann er ein Bauingenieurstudium an der HTWK Leipzig.
Nach seinem Abschluss blieb er, bis auf einen kurzen Ausflug in die Wirtschaft als Tragwerksplaner in einem Leipziger Ingenieurbüro, der Hochschule treu: als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Institut für Betonbau (IfB). In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit einem faseroptischen Messverfahren zur Bestimmung von Dehnungen an Bauwerken. Das bestehende Verfahren entwickelte er so weiter, dass es nicht nur Dehnungszustände messen, sondern auch Vorhersagen treffen kann. Damit sollen Mängel rechtzeitig erkannt und Katastrophen wie einstürzende Brücken verhindert werden.
Der 36-jährige promovierte Bauingenieur und Familienvater von drei Kindern startet nach wie vor im deutschen Kader im Ski-Orientierungslauf – dafür trainiert er im schneearmen Leipzig meist auf Rollskiern. Außerdem leitet er am IfB die Forschungsgruppe „Sensorik und Monitoring“ und arbeitet an seiner Habilitation. Dabei entwickelt er nun Konzepte, um mit faseroptischen Sensoren Verformungen in jungem Mörtel und Beton zu messen. „Das funktioniert nur mit einem sehr straffen und durchdachten Tagesablauf, Disziplin und Motivation“, sagt Weisbrich, der genau diese Kompetenzen aus dem Sport gut auf die Wissenschaft übertragen kann.
Dr. Tanja Korzer – Architektur
Für Dr. Tanja Korzer war der Fall der Mauer zugleich auch eine berufliche Wende. Zu dieser Zeit absolvierte sie eine Berufsausbildung mit Abitur zur Modedesignerin. „Dann ist alles den Bach heruntergegangen“, so Korzer. Die Berufsberatung des Arbeitsamts empfahl ihr ein Architekturstudium.
So bewarb sie sich an der HTWK Leipzig und gehörte zum zweiten Jahrgang des damals neuen Fachbereichs: „Alle Professoren waren jung, hier wehte ein aufstrebender Wind.“ Sie fokussierte sich auf den Städtebau und arbeitete bald als wissenschaftliche Hilfskraft an der HTWK Leipzig und der Universität Leipzig in Projekten zur Stadt-Umland-Beziehung sowie zur Handelsfunktion von Innenstädten.
In ihrer Promotion untersuchte sie am Beispiel Torgau den Einfluss von Shoppingcentern in Klein- und Mittelstädten. Korzer: „Die Handelsfunktion einer Innenstadt dünnt aus, weil Shoppingcenter kommen. Ich fragte mich, was die Center richtigmachen und ob die Idee, große Frequenzbringer an den Enden zu platzieren, auf Stadtzentren übertragbar ist.“ Während der sechsjährigen Promotionszeit bekam sie zwei Kinder. „Ein europäisches Förderprogramm für die Wiederaufnahme der Promotion nach der Elternzeit hat mir den Wiedereinstieg erleichtert“, erinnert sie sich dankbar. Seit 2016 entwirft die heute 50-Jährige beim Leipziger Planungsbüro Urban Management Systems integrierte Stadtplanungskonzepte für Städte und Gemeinden. Die Pläne vereinen Mobilität, Grünflächen, Wirtschaft, Wohnraum und soziale Infrastruktur.
Im Netzwerk Leipziger Freiheit berät sie außerdem Interessierte zum kooperativen und gemeinschaftlichen Bauen und Wohnen. Und was hält eine Städtebau-Expertin von Leipzig? „Ich mag die Vielfalt und die Quartiersidentitäten. Auch die kurzen Wege sind toll, so kann ich auf ein Auto verzichten.“
Dr. Reinhard Uehleke – Volkswirtschaftslehre
Welche Daten sind nötig, um Zusammenhänge aufzudecken? Fragen wie diese interessierten den heute 40-jährigen Dr. Reinhard Uehleke schon während seiner Abiturzeit in Würzburg. Um besser zu verstehen, wie politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verflochten sind, entschied er sich für ein Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Bamberg. Nach dem Master arbeitete er dort in einem Forschungsprojekt zur privaten Altersvorsorge. Sein Fazit: „Das menschliche Gehirn ist nicht dafür gemacht, über so lange Zeiträume zu planen.“
Ein Forschungsprojekt zur Gerechtigkeit und Zahlungsbereitschaft im Klimaschutz führte ihn 2011 an die HTWK Leipzig. Hier und an der Europa-Universität Viadrina schrieb er seine Doktorarbeit und untersuchte darin, wie hoch die Bereitschaft in der Bevölkerung ist, Steuergelder in den Klimaschutz zu investieren und welche Faktoren diese beeinflussen. 2015 zog er nach Rostock, um wieder zur Zahlungsbereitschaft zu forschen – diesmal für das Tierwohl bei Produkten wie Fleisch, Eiern oder Milch. Später folgte er dem Ruf der dortigen Professorin für Agrarökonomie nach Bonn und schließlich nach Göttingen.
Nach zwanzig Jahren Erfahrung an vielen deutschen Hochschulen verabschiedete sich Uehleke kürzlich von der universitären Forschung und absolvierte eine Weiterbildung zum Data Scientist in Berlin. Dabei kombiniert er Wissen aus Mathematik, Informatik und der jeweiligen Branche, um Unternehmensentscheidungen zu fundieren und damit zu verbessern. In der Freizeit unterrichtet Uehleke Schulklassen im Windsurfen an der Ostsee oder fährt mit seinem Rennrad ins Berliner Umland. Außerdem freut er sich, endlich in derselben Stadt wie seine achtjährige Tochter zu wohnen und sie somit öfter zu sehen.
Dr. Ulrike Leistner – Soziale Arbeit
Gesundheit ist für Dr. Ulrike Leistner keine reine Privatsache, sondern auch Aufgabe der Kommunen. Die 43-Jährige arbeitet in der Koordinierungsstelle kommunale Gesundheit im Gesundheitsamt Leipzig und vernetzt Ämter, Krankenkassen und Stadtteilakteure, um gesunde Lebensbedingungen in den Quartieren zu schaffen. Die Koordinierungsstelle – 2015 die erste dieser Art in Deutschland geht auf ihre Forschungen an der HTWK Leipzig zurück. Dort entwickelte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsgruppe „Soziales und Gesundheit“ das Konzept mit.
Ihren Weg zur Sozialen Arbeit fand die gebürtige Leipzigerin über ein Fachabitur im sozialen Bereich sowie dem Studium an der HTWK Leipzig. Dort promovierte sie bis 2017 fünf Jahre lang – währenddessen war die nunmehr dreifache Mutter alleinerziehend mit ihrem ersten Kind kooperativ mit der Technischen Universität Dresden zur Verständlichkeit von Jobcenter-Schreiben. Sie fand heraus: Selbst für Fachkräfte sind viele Bescheide schwer nachvollziehbar. Amtsdeutsch, schlechte Erreichbarkeit und beschädigte Glaubwürdigkeit befördern weiter Missverständnisse.
Heute entschlackt Leistner Verwaltungsprozesse der Stadt Leipzig und berät Stadtteile bei Gesundheitsprojekten. „Manchmal vermisse ich die Lehre“, gesteht die Koordinatorin: „Einen Weg zurück zur Hochschule schließe ich daher nicht aus.“
Dr. André Valdestilhas – Informatik
Daten verknüpfen, Wissen strukturieren und Horizonte erweitern – dafür steht Dr. André Valdestilhas. Aufgewachsen im brasilianischen Santo André, entwickelte er früh ein Faible für Technik. Nach einem Bachelor-Informatikstudium in São Paulo arbeitete er zehn Jahre als Software-Ingenieur, bevor ihn die Neugier zurück zur Wissenschaft brachte.
Nach dem Master und ersten Veröffentlichungen kam er als Promotionsstipendiat an die Universität Leipzig. Als sein Doktorvater unerwartet verstarb, übernahm Prof. Thomas Riechert von der HTWK Leipzig die weitere Betreuung. „Thematisch passte das perfekt, und menschlich ebenso“, erinnert sich Valdestilhas. In seiner Promotion vernetzte er sämtliche im Internet verfügbaren offenen und verknüpften Datensätze – eine wichtige Grundlage des Semantischen Webs.
Nach der erfolgreichen Verteidigung 2021 wechselte er nach Berlin an die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, wo er numerische Messdaten aus der Betonprüfung vereinheitlichte. Zudem initiierte er eine internationale Konferenz an der Schnittstelle von Materialforschung und Semantischem Web. Eine Postdoc-Stelle führte den heute 46-Jährigen zuletzt an die Freie Universität Amsterdam. Seine Ziele: eine Professur, und eine neue Semantic-Web-Konferenz, diesmal für Sozial- und Geisteswissenschaften.
Dr. Bianca Reichard – Elektrotechnik
Sich in männerdominierten Branchen durchsetzen – das zieht sich durch Dr. Bianca Reichards Karriere. Im oberbayerischen Eichstätt geboren, kam die Tochter eines Elektronikers früh in Kontakt mit Kabeln und Lötkolben. Nach der Realschule ließ sie sich bei Audi zur Mechatronikerin ausbilden und montierte dort anschließend Mittelkonsolen am Fließband. Ein Ausbilder sagte ihr, sie gehöre hinter den Herd. Sie machte stattdessen lieber das Abitur nach und suchte nach passenden Studiengängen. „Als Goethe-Fan entschied ich mich für Leipzig, obwohl ich die Stadt zuvor noch nie besucht hatte“, erinnert sie sich.
An der HTWK Leipzig studierte sie Elektrotechnik und stieß erneut auf Vorurteile: „Trotz guter Noten fühlte ich mich oft unterschätzt oder nicht ernst genommen“, resümiert die heute 35-Jährige. Seit einem Praktikum am Laboratory for Biosignal Processing der HTWK Leipzig fasziniert sie die Bildverarbeitung; dort fand sie in Prof. Matthias Sturm einen Mentor, der ihr Talent erkannte. Bei ihm, Prof. Gerold Bausch und der medizinischen Betreuerin Dr. Kerstin Bode am Herzzentrum der Universität Leipzig, begann sie 2019 ein Promotionsvorhaben und forschte zur Schmerzerkennung. Dafür zeichnet eine Kamera die Mimik von Patienten auf; Algorithmen erkennen daraus Muster, die auf Schmerz hinweisen.
„Das hilft vor allem Menschen, die sich nicht selbst äußern können, beispielsweise Neugeborenen oder Patienten mit Demenz“, so Reichard. Mit „magna cum laude“ 2024 abgeschlossen, arbeitet sie nunmehr als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Angewandte Informatik der Universität Leipzig und entwickelt dort Algorithmen, die bildbasiert Legionellen in Trinkwasserproben erkennen.
Dr. Markus Gentzsch – Rechtswissenschaft
Der Zeitzer Dr. Markus Gentzsch schrieb das beste Abitur seines Jahrgangs und hatte somit viele Karriere-Optionen. Zunächst entschied er sich für ein Studium der Wirtschaftsmathematik an der Universität Leipzig, wechselte jedoch bald zur Rechtswissenschaft. „Jura bietet die Möglichkeit, gesellschaftliche Konflikte immer wieder neu auszuhandeln“, so Gentzsch.
Nach Referendariat und zweitem Staatsexamen begann er 2017 eine Promotion in Kooperation zwischen der Universität Leipzig und der HTWK Leipzig. An der HTWK war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Rechtsfragen zur Legitimation von Zentralbanken“ unter der Leitung von Prof. Cornelia Manger-Nestler tätig.
Seine Dissertation über die Aufsichtsbeschlüsse der Europäischen Zentralbank verteidigte er 2023 mit „summa cum laude“ und wurde mit dem Dissertationspreis der Juristischen Fakultät der Universität Leipzig ausgezeichnet. Seit 2021 arbeitet der heute 35-Jährige im Bundesministerium der Finanzen in Berlin; aktuell ist er auf eigenen Wunsch an das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe abgeordnet. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter unterstützt er dort eine Richterin mit Entscheidungsempfehlungen, sogenannte Voten. Aufgrund des anspruchsvollen Berufsalltags bleibt ihm wenig Zeit für frühere Hobbys wie dem Schreiben von Kurzkrimis. Unter der Woche lebt er in Karlsruhe, am Wochenende in Berlin, wo er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern die Familienzeit genießt.
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Diese Portraits erschienen zuerst in den Forschungsmagazinen Einblicke 2024, Einblicke 2025 sowie Einblicke 2026.
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